Ihr Konto  |  Warenkorb  |  Kasse  
 
HomeVitaTermineKontakt










 
Verwenden Sie Stichworte, um ein Produkt zu finden.
erweiterte Suche

0 Produkte


Gedanken


Die Drei Weisen an der Krippe

Seit jeher hat die Menschen die Erzählung vom Zug der Weisen aus dem Morgenland an die Krippe von Bethlehem fasziniert. Die Dichter und die Volksfrömmigkeit haben diese Geschichte vom Aufbrechen und Ankommen weiter erzählt und in ihre jeweilige Situation hinein gedeutet. So wurden aus den Magiern drei Könige, die die Jugend, das Mittelalter und das Alter verkörpern. In jedem Alter gilt es aufzubrechen.

Fulbert Steffensky vergleicht solche Geschichten mit einem warmen Mantel, den wir brauchen, um in der kalten Welt unsern Weg gehen zu können. Er nimmt dieses Bild vom Propheten Elija, der seinem Schüler Elischa einen Mantel hinterlassen hat. Jeder versteht diese Geschichte anders. Er nimmt sie als Mantel, der all das, was er bei sich nicht zusammen bringt, bedeckt und zusammen hält.

Für Karl Rahner war diese Geschichte ein Bild für seine Sehnsucht. Sie lud ihn ein, auszubrechen aus einer verkrusteten Theologie und der Sehnsucht seines Herzens zu trauen, über Gott auf neue Weise nachzudenken, bis er mit seiner Theologie ankam beim Geheimnis des unbegreiflichen Gottes, vor dem er niederfiel und sich und seine theologischen Überlegungen vergaß, sich einfach in Gott hinein ergab, vor seiner unbegreiflichen Liebe, die in diesem Kind in der Krippe erschien, gleichsam kapitulierte.

Für meinen Vater wurde diese Erzählung zur Schlüsselgeschichte seines Lebens. Er erzählte uns oft, dass die heiligen Drei Könige ihn ins katholische Bayern geführt hätten. Er hatte sich immer geärgert, dass er in Essen-Katernberg an diesem Festtag in der Zeche arbeiten musste. So zog er – ohne alles Geld, ohne Beziehungen und ohne Arbeitsstelle – nach München, um sich dort in den schwierigen zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Existenz aufzubauen. Der warme Mantel dieser Geschichte und dieses Festtages war ihm wichtiger als ein sicherer Arbeitsplatz im Kohlebergwerk des Ruhrgebiets.

Von meinem Vater her ist diese Geschichte auch zu meiner geworden. Sie gibt mir Mut, immer wieder aufzubrechen, ohne mich abzusichern, mich nicht einzurichten in dem, was ich bisher gedacht oder erreicht habe, sondern immer weiter zu gehen, auf das Geheimnis des unbegreiflichen Gottes zu. In den letzten Jahren hat mich – gerade im Dialog mit anderen Religionen - dabei vor allem das Thema der Weisheit neu fasziniert.

Matthäus schreibt sein Evangelium für christliche Gemeinden, die aus dem Judentum kommen. Dennoch ist ihm der Dialog mit andern Religionen wichtig. Matthäus will mit der Anbetung der Magier zeigen, dass in Jesus die Weisheit von Ost und West für alle Menschen aufleuchtet. Jesus ist nicht nur der barmherzige Heiland, der die Kranken heilt und uns die Schuld vergibt. Er ist auch der Lehrer der Weisheit, der alle Weisheit dieser Welt, die Weisheit von Ost und West, von Süd und Nord in sich verbindet. Das zeigt eine andere Stelle im Matthäusevangelium. Jesus erzählt von der Königin von Saba, die sich aus dem Süden auf den Weg machte, um die Weisheit Salomos zu hören. Jesus sagt von sich selbst: Hier aber ist mehr als Salomo. Jesus ist der neue Salomo, der wahre Lehrer der Weisheit.

In den acht Seligpreisungen wird uns Jesus den achtfachen Weg zum gelingenden Leben aufzeigen. Und in den fünf großen Reden wird er uns die Quintessenz aller menschlichen und göttlichen Weisheit darlegen. Die Flucht nach Ägypten erzählt uns Matthäus, um Jesu Bedrohung schon von Kindheit an zu beschreiben. Aber Ägypten galt nicht nur als Zuflucht für Bedrängte, sondern auch als Land esoterischen Wissens. Jesus verkörpert auch all das Wissen, für das Ägypten steht.

Die Magier aus dem Osten, die Sterndeuter, die Traumdeuter, haben einen Stern aufgehen sehen. Sie sind dem Stern ihrer Sehnsucht gefolgt. Sie dachten nicht, dass sie die Weisheit schon besitzen würden. Sie haben sich auf die Suche gemacht nach dem, der alle Weisheit dieser Welt in sich verkörpert. So wollen sie auch uns ermutigen, unserer Sehnsucht zu trauen, auszubrechen aus den Denkgebäuden und Glaubensgebäuden, in denen wir uns eingerichtet haben, auszubrechen aus den gewohnten Bildern, die wir uns von Gott und von uns selbst gemacht haben, und uns immer wieder zu fragen: Was heißt das für mich, dass Gott Mensch geworden ist, dass er mir in diesem Kind in der Krippe aufleuchtet? Mit den Magiern sollen wir uns auf den Weg machen, um bei dem anzukommen, vor dem wir niederfallen und ihn anbeten, der allein unsere Sehnsucht zu erfüllen vermag.

Die Magier bringen Geschenke mit: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Die Tradition hat verschiedene Deutungen für die drei Gaben gegeben. Das Gold ehrt den König, der Weihrauch den Gott im Fleisch und die Myrrhe den, der am Kreuz für uns sterben wird. Karl Rahner deutet die Gaben als Ausdruck unseres Herzens. Dann ist Gold Zeichen unserer Liebe, Weihrauch weist auf unsere Sehnsucht und Ehrfurcht hin und Myrrhe auf unsere Schmerzen und Wunden. Wir können die Gaben aber auch als Bild für die Weisheit verstehen, die die Magier in Jesus gefunden haben. Das Gold ist Bild für die Unveränderlichkeit, Ewigkeit und Vollkommenheit. Und es ist Bild für die esoterische Erkenntnis. Im Gold bekennen die Weisen, dass Jesus uns den Weg wahrer Erkenntnis führt, dass er uns zur Gnosis, zur Erleuchtung geleitet. In der Alchemie suchte man aus unedlen Metallen Gold zu machen. Gold ist also ein Bild für die Weisheit, die zur Erleuchtung führt. Wir drücken damit unsere Sehnsucht aus, dass Christus all das Unedle, das Harte und Kantige verwandelt in etwas Glänzendes, dass er es letztlich in Liebe verwandelt, für die das Gold auch steht.

Der Weihrauch, der zum Himmel emporsteigt, verweist uns auf die Erkenntnis, die den Himmel mit der Erde verbindet. Und der Weihrauch, der böse Geister zu verbannen sucht, zeigt uns, dass das wahre Wissen uns befreit von Denkmustern, die uns am Leben hindern. Der Weihrauch hat immer auch heilende Wirkung. Die Weisheit Gottes ist heilend für unser Leben. Gesundheit fängt beim Denken an. Es gibt krankmachende Denkmuster, die uns am Leben hindern. Da gibt es entwertende Denkmuster, etwa: „Ich bin nicht richtig“, oder aber Denkmuster, die uns maßlos überbewerten, wie: „Ich kann alles“. Beide Denkmuster führen beide zur Krankheit. Das richtige Denken macht uns gesund. Und richtiges Denken führt – wie es die deutsche Sprache ausdrückt – zur Dankbarkeit. Wenn wir dankbar auf unser Leben schauen, dann denken wir richtig und dann leben wir im Einklang mit uns und mit Gott.

Auch bei der Myrrhe geht es um die heilende Wirkung der Weisheit. Die Myrrhe verweist uns auf die Weisheit der Natur. Die Schöpfung bietet uns viele heilende Kräuter, die unsere Wunden zu heilen vermögen. So ein Heilkraut ist die Myrrhe. Die Myrrhe heilt die Wunden, die uns das Leben geschlagen hat. Nur wenn wir richtig über unsere Lebenswunden nachdenken, wenn wir uns mit unserer Geschichte verstehen, können wir zu uns selbst stehen. Die Myrrhe ist zugleich ein Kraut, das im Paradies wächst. Unterhalb unserer Verletzungen und Wunden ist ein Raum in uns, in dem Christus wohnt. Dort sind wir in Berührung mit dem unverfälschten und unberührten Bild, das Gott sich von uns gemacht hat. Dort ist das Paradies, der Raum, in dem wir heil sind und ganz.

Wir feiern an Epiphanie die Erscheinung der Herrlichkeit Gottes im menschlichen Fleisch, Aufleuchten des ewigen Lichtes mitten in der Dunkelheit der Welt. Im Graduale singen wir an diesem Tag: „Illuminare Jerusalem: Illuminare heißt nicht nur: „Werde Licht“, sondern „Werde erleuchtet“. Im Mittelalter nannte man die Menschen, die sich nach Erleuchtung sehnten, die Illuminaten. Wir sehnen uns an diesem Fest nach wahrer Weisheit, nach der Weisheit Gottes, die uns erleuchtet, die unser Leben erhellt, die Licht bringt in unsere Dunkelheit, Sinn in unsere Sinnlosigkeit, Orientierung in unsere Orientierungslosigkeit, Wissen in unsere Unwissenheit, Erkenntnis in unsere Unkenntnis, Heilung in unsere Wunden.

In der Eucharistiefeier am Dreikönigstag begegnen wir mit den Magiern dem neugeborenen König, dem Lehrer der Weisheit. Nicht nur wir bringen ihm unsere Gaben dar, unsere Liebe, unsere Sehnsucht und unsere Wunden. Christus selbst beschenkt uns mit sich selbst, mit seinem Leib und Blut, mit der menschgewordenen Weisheit und Liebe Gottes, die unser Leben erhellt, die alle krankmachenden Denkmuster aus uns vertreibt und unsere Wunden heilt. Lassen wir uns von dem erleuchten, zu dem der Stern der Sehnsucht uns heute geführt hat. Amen.


[zurück]



 
© 2006 Vier Türme Verlag, Impressum & Haftungsausschluss | AGB's | Datenschutzerklärung